Texte

Habt Geduld mit der unbequemen scroll-Handhabung; eventuell werde ich das irgendwann verbessern.
Texttitel:
1)Kiira-Shan (aus 2004)

2)Die Unverschämten haben ihre Tränen stets bereit (aus 2005)
3)has iuvenum lachrymis (aus 2005)
4)Schnee (aus 2005)
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1)

Kiira-Shan

Er verbrachte Monate der Leere, von Freunden umgeben denen er nicht vertraute, auf Festen, die er nicht wollte und erfüllt von einer Einsamkeit, die nicht nachließ. Alles erschien ihm schal, zwecklos, nur sinnlose Beschäftigung ohne Ziel: die Partys, das Lernen, Vorlesungen zu besuchen, Bücher zu lesen, ins Theater zu gehen, zu essen, zu schlafen – wozu.
Er blieb nächtelang auf, bis ihn um vier Uhr früh der Schlaf übermannte, er verschlief Vorlesungen und versäumte Termine, er versetzte Freunde und starrte in seine Lehrbücher, ohne zu lernen. Rief ihn einer am Telefon an, erschien ihm der als lästiger Störer, und kaum hatte er aufgelegt, wieder die Leere, die Leere.
Es vermochte ihn nichts zu erfreuen und nichts zu erschrecken, nur ein leises Flimmern von Unruhe war in ihm: er verschwendete sein Leben, und er wusste es.
Das was ihn eigentlich erstaunte, war, dass auch ohne seine Hingabe alles lief. Er bestand Prüfungen ohne dafür gelernt zu haben, die Freunde riefen immer wieder an, und ob er sich auf einem Fest amüsierte, ob er einem Gespräch folgte oder ob er seinem Gegenüber vertraute, interessierte bis auf ihn (und ihn auch nicht, denn er gefiel sich in seinem Leiden) niemanden. Er nahm es als weiteren Beweis für die Leere.

Dann kam Kiira-Shan zu ihm, ganz in Weiß gekleidet, engelsgleich erschien er ihm, der er gerade in seiner Kammer saß, von Selbstzweifel zerrüttet, von Sinnkrise gepackt, von Selbstmitleid umfangen, und Leere drohte ihn zu versenken.
Er sah Kiira-Shan und Kiira-Shan war ihm wie ein Ufer im Meer der Leere. Er sprang auf, Rettung war nah: „Kiira-Shan !“ und Kiira-Shan schüttelte tadelnd den Kopf und nahm ihn beim Ohr und schüttelte ihn durch.
„Was machst du mit deinem Leben, Loki?“
„Ich verschwende es“, gab er zu, und auf eine unbestimmte Art genoss er, dass das Ziehen an seinem Ohr stärker wurde auf diese Antwort hin. Zumindest einen schien es zu kümmern, und der, der ihn für die Verschwendung tadelte und strafte, würde mit der Strafe Vergebung schaffen, und Rettung, denn wer richtet, muss retten. Es würde keine Leere mehr da sein, irgend etwas würde hinzutreten, etwas Wichtiges, die Rettung, die er nur übersehen hatte.
„Dein Volk leidet, Loki“, sagte Kiira-Shan , „und du sitzt hier und haderst mit dir selbst.“
Fast bedauerte er es, dass Kiira-Shan ihn nicht mehr am Ohr beutelte; es schien ihm Jahre her, seit ihn zuletzt ein Mensch berührt hatte, und bis zur Zeit im Mutterleib zurück, dass es ein Mensch gewesen war, dem an ihm lag. Und Selbstmitleid überkam ihm bei diesem Gedanken, und bei der Erkenntnis, dass Kiira-Shan auch keine Rettung bot; wenn Kiira-Shan auch ein Ufer war, konnte es dennoch von Selbstmitleid (und der Leere) überschwemmt werden.
„Dein Volk leidet, Loki“, wiederholte Kiira-Shan , „und du sitzt hier und haderst mit dir selbst.“
Loki nahm erst jetzt den Sinn des Gesagten wahr, und dass das Gesagte keine Rettung bot für ihn.
„Mein Volk“, sagte er und fiel aus allen Wolken dabei, sein Volk, wer war schon er, ein selbstmitleidzerfressener Student der gern dem Wodka zusprach und nicht genug Stärke hatte, sich aus dem Loch der Depression zu ziehen. Er hatte Rettung für sich gewollt, nicht Retter sein für sein Volk, es mochte sein, dass sie alle litten, siebenundhalb Millionen Menschen, doch was war ihr Leiden gegen das seine (die Leere kehrte zurück) und er vermochte nichts gegen seines auszurichten und von seinem wusste er zumindest, worin es bestand….
Er war kein Heiland und kein Retter. Er was 20 Jahre alt, konnte nicht vor Publikum sprechen und genierte sich, die ihm Bekannten per Händedruck zu grüßen. Er hatte kein prägenden Erfahrungen in der Kindheit gemacht und war kein Abkömmling eines Königshauses, er hatte keine Ziele und keine Werte.

„Du kannst sie retten“, sagte Kiira-Shan , „Geh hinaus und tu es.“
Er wollte sagen, dass er nicht zum Retter tauge und dass seine eigene Rettung ihm schon schwer genug fiele, und stattdessen brachte er nur ein klägliches „Lass mich nicht allein“ heraus, die Leere würde wiederkommen; schon breitete sie sich aus wie ein matter Schleier…
„Hier“, sagte Kiira-Shan und seine Faust schnellte vor, traf auf Lokis Nase auf und da war Schmerz, der den Schleier zerriss, und dann kam Blut, und er schmeckte es im Mund und er musste lachen und er lachte laut und göttergleich (und er hörte Kiira-Shan einen Ratschlag geben, den er sein Leben lang bewahrte: „Schmerz ist ein Freund, die Angst ist ein Feind“) und das Blut tropfte beständig zu Boden und als er sich dann umsah, war Kiira-Shan verschwunden (war er jemals dagewesen?) und da war nur noch er und das Blut, das in seine hohle Hand tropfte.

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2)
Die Unverschämten haben ihre Tränen stets bereit

War er tot?
Die Vermutung lag sehr nahe, nachdem Enkinodu seit dem Quietschen der Bremsen nichts mehr wusste, nachdem er nicht mehr in der Stadt war, an die er sich zuletzt erinnerte und nachdem er keinerlei Verletzungen aufwies, wiewohl er sich noch an den Aufprall des Wagens zu erinnern glaubte.
- Er konnte nicht tot sein. Er hatte noch Konzertkarten für nächsten Samstag, und den Wäschetrockner hatte er auch noch nicht ausgeräumt.
…. war das das Jenseits? Stellte man sich auch anders vor, nicht so rosa.
Da blühte ein Kirschbaum, und da ein anderer, und der Boden war von Kirschblüten, weiß und rosa, geruchslos aber, und es war so still, dass es in seinen Ohren surrte.

Reachon kam auf ihn zu, gehüllt in den Mantel der Weisheit, ein fliederfarbenes Zepter in der mächtigen Hand.
Neben Reachon, der würdig einherschritt, hüpfte Käfer und klimperte lustig mit einem Schellenband. „Welcome to eternity“, sang Käfer, „welcome, welcome, Enkinodu“
Enkinodu fühlte etwas wie Angst in sich, denn Reachon im Mantel der Weisheit würde ihn nun auf die Brücke der Entscheidung führen und dort über sein Leben richten.
Wenn er das vorher gewusst hätte, hätte er noch schnell 150 Euro an die Caritas gespendet, bevor er über die Straße ging. Was hieß 150, 300! 3000!

Wenn er bloß gewusst hätte, dass der Kult um Reachon und Käfer der Wahrheit entsprach!
Aber nie, nie hatte er an Reachon und Käfer geglaubt. Eher noch an den Gott Thui, der das Universum ausgekotzt hatte, oder an Java, die jähzornig richtete, oder an Shve und Shva und Shvu die Drillinge, die die Liebenden schützten.
So viele Kulte und Götter gab es auf Oddworld.
Eigentlich hatte Enkinodu an keinen davon jemals wirklich geglaubt. Offiziell war er Anhänger von Thui, der das Universum ausgekotzt hatte, weil es bei den Thui-Kulten immer gratis THC-haltige Substanzen gab.
Aber dass ausgerechnet der Kult um Reachon und Käfer der wahre war!

„Enkinodu, bist du bereit?“
fragte Reachon, und seine dunkle Stimme hallte in Enkinodu wieder und machte ihn schaudern.
Er nickte und folgte Reachon zur Brücke der Entscheidung.
Käfer gab ihm einen Stoß und er taumelte nach vor, auf die Brücke.
Nun also war es so weit. Die Brücke würde über ihn richten. Wenn er ein guter Mensch war, würde sie in die Umarmung Reachons führen; wenn die Brücke der Last seiner Sünden aber nicht standhielt…..
Enkinodu sah nach unten, wo Krokodile im Graben warteten und Polka tanzten. Es war ihm mulmig zumute.

Und dann begann Reachon auch schon, ihn zu fragen:
„Wie viele böse Gedanken hattest du an dem Tag, bevor du starbst?“
Und die Brücke knarrte ganz bedenklich, und Reachon fragte weiter:
„Wie viele Menschen hast du geliebt?“
„Wie viele Menschen hast du gehasst?“
„Wen hast du verraten?“
Die Brücke knarrte sehr, sehr bedenklich.
„Wie viele hast du in Absicht schlecht behandelt, dich deiner Macht dazu freuend?“
Die Brücke knarrte; zeigte sie schon die ersten Risse?

(…)

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3)

has iuvenum lachrymis

Sie steht auf der Klippe und fühlt den Wind im Gesicht, hart und salzig. Sie fühlt die Unendlichkeit des Meeres, und ein Hauch von Trauer ist in ihr wie in jedem Menschen, der die Unendlichkeit fühlt.
„Beth?“
„….Tullio!“ und so sehr sie sich auch müht, ihrer Stimme einen beiläufigen Klang zu geben, ist doch ein Kieksen von unterdrückter Freude darin. Sie hasst es, wie ihre Stimme klingen muss, und sie denkt: wie muss sie aussehen, mit von Wind strähnigem Haar und salzverklebtem Gesicht.
Und er wie die Statue eines antiken Gottes, mit voller Stimme und strahlenden Augen.
Sie liebt ihn. Ganz vage vermutet sie, dass auch er sie liebt, aber dann denkt sie wieder, das seien Wunschgedanken.
„… ist dir nicht kalt?“
„Es ist doch nicht kalt“, erwidert sie ruppig, verärgert über die Frage (es ist tatsächlich sehr warm) und über ihre unfreundliche Antwort und darüber, dass er ihr nichts Besseres zu sagen hat.
„….“
„….“
Eine Weile sagt keiner von ihnen etwas, und sie sehen sich in die Augen, stumm. Der Wind treibt ihr die Haare ins Gesicht, eine Strähne klebt an ihren Lippen.
Er sieht beiseite, aufs Meer hinaus.
Sie will etwas sagen, sagt aber doch nichts, sieht auch aufs Meer hinaus.
„…Beth?“
„Hm?“
„…. – dein Schuhband ist offen.“
„Was dir alles auffällt“, sagt sie spitz. Sie hasst sich selbst, wie gemein ihre Stimme klingt, sie geht ihm kaum bis zur Schulter, ein spöttisches, rotblondes Wesen, schmal am Körper, spitz im Gesicht. Er kann sie nicht lieben.
„… warte“, sagt er, „Ich mach’s dir zu“ und ist, noch ehe sie protestieren kann, in der Hocke und schnürt ihr Schuhband zu.
Schöne, breite Hände. Doppelmasche.
Er richtet sich auf, ganz kurz sind ihre Gesichter auf einer Höhe und ganz nah, dann macht er einen Schritt zurück, und dann den selben Schritt wieder auf sie zu, birgt ihren Kopf mit den verklebten Haaren in seinen Händen und küsst sie.
Ihre Lippen sind rau und gesprungen vom salzigen Wind, und er küsst mehr grob als zärtlich. Er muss Blut schmecken, so wie sie, Salz und Blut und Liebe.
Er löst seine Lippen von ihren, wischt ihr vorsichtig ein wenig Spucke von den Lippen und fragt dann: „Soll ich wieder weggehen?“
Sie schüttelt hastig den Kopf.
Er küsst sie erneut, seine Finger graben sich in ihr Haar und seine Lippen umarmen ihre, und sie ist sich auf einmal ganz sicher, dass sie den Beweis hat, dass die Erde sich dreht.

Sie versucht loszukommen um zu sprechen, und er merkt es erst nach ein paar Sekunden (wie fest er sie hält) und gibt sie frei.
„Tullio!“ sagt sie, und dann drückt sie ihre Lippen wieder an seine, und sie küssen sich und er hält sie ganz fest.

Wir aber widmen uns den Wellen, die die Insel umspülen, und der Erde, die ihren Boden bildet, und den Zitronenbäumen, die in der Erde wurzeln, und deren Früchte, so sagt man, wachsen von den Tränen und der Liebe der Jugend.

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4)

Schnee

Der Schneesturm würde jeden Augenblick losbrechen.
Sie suchten Schutz unter einer alten Zeder: Fidés, Argon, Tadzju und Fairhair.

Fidés war der Älteste, ein hagerer junger Mann mit dunklen Locken, dessen kantiges Gesicht noch blasser war als sonst.
Er hatte zuvor pausenlos mit dem zweitältesten, Argon, gestritten, wessen Schuld es sei, dass der Schlitten (mit den Lebensmitteln, mit den Decken, mit dem Brennholz) fort sei und damit der ganze Ausflug verpfuscht.
Jetzt stritten sie nicht mehr, der humorlose Fidés und der jähzornige Argon, jetzt sahen sie sorgenvoll in den Himmel, der so hell war, dass es weh tat in den Augen.
Kein Wort sagten beide.

Eigentlich war es Tadzjus Schuld, dass der Schlitten weg war.
Tadzju wusste es sehr genau, und die Älteren wussten es auch. Aber keiner der beiden Älteren hatte ein Wort darüber verloren; sie hatten miteinander gestritten, ja, aber keiner hatte dem Achtjährigen gegenüber auch nur ein Wort der Missbilligung hören lassen.
Und das, wo Fidés ihn sonst schon für ein gebrauchtes Schimpfwort so sehr tadelte, dass er regelmäßig in Tränen ausbrach.
Es war eigenartig, dachte Tadzju, und er hatte das unangenehme Gefühl, dass der Moment noch kommen würde, wo das Schlittenthema wieder zu Spräche käme, und dann würde Fidés mit seiner Tadelstimme sagen „Es ist deine Schuld, dass wir jetzt zwei Tage lang nichts zu essen haben; du verdienst Strafe“ und er, Tadzju, würde ein unangenehme Gefühl in der Magegengegend spüren, das sich immer mehr steigern würde, bis Fidés die Strafe nennen würde….
„‘s meine Schuld, mit dem Schlitten“, sagte Tadzju (besser, es schnell hinter sich zu bringen) zu Fidés.
„Über vergossene Milch soll man nicht weinen“, erwiderte Fidés, „mach lieber deine Jacke zu“
Über vergossene Milch soll man nicht weinen. Fidés. Fidés hatte das gerade eben gesagt, Fidés der wegen zwei gestohlenen Keksen eine Woche lang kein Wort mit ihm geredet hatte.
Tadzju sah den Älteren mit vor Staunen offenem Mund an. Dann schloss er seine Jacke und entschied sich, das Thema nicht weiterzuverfolgen.

Stattdessen kopierte er die gespannte Haltung der beiden Älteren und starrte wie sie in den Himmel, dessen Licht immer gleißender wurde. Mit verschränkten Armen, das Kinn nach oben gereckt und die Lippen dünn zusammengepresst stand er neben Fidés.
Der Jüngste, Fairhair, tat es ihm nach. Der lächerliche kleine Fairhair, dachte Tadzju, er glaubt wohl, er sieht erwachsen aus, wenn er uns nachmacht.
Ein paar Minuten standen sie so da, alle mit dem Blick in die Richtung, wo es immer heller wurde, unnatürlich hell. Ihr Atem dampfte.
Dann piepste Fairhair:
„Ich hab‘ Hunger“
Fidés löste seinen Blick vom Himmel, sah den Fünfjährigen an und zwang sich zu einem Lächeln. „Gleich“, sagte er.
„Mir is‘ kalt“, sagte Fairhair.
Und er begann in jenem Augenblick zu weinen, in dem der Schneesturm einsetzte.
Fidés zog seine Jacke aus und hüllte Fairhair darin ein.
Er selbst trug nur noch Hemd und Pullover, als er den dürftigen Schutz des Baumes verließ, um Brennholz zu suchen.

*

Fidés kehrte zurück mit eisüberzogenen Ästen und blutigen Fingern.
Blut, das rinnen würde, wenn es nicht so kalt wäre.
„Nie“, sagte Argon und meinte das herbeigeschaffte Brennholz , „nie brennt das. ‘s Eis drauf. Es ist unmöglich.“
„Es muss möglich sein“, sagte Fidés.
Die vereisten Äste brannten tatsächlich.
„Wieviele Streichhölzer sind noch in der Packung?“ fragte Argon.
„Leer.“
„Die anderen Streichhölzer sind am Schlitten“, informierte Argon.
„Halt dein Maul“, fauchte Fidés, er, der niemals ein grobes Wort über die Lippen brachte.
„….“
„….“
„….“
Es wurde unangenehm, wie die beiden Älteren sich anschwiegen. Und Fidés, das wusste jeder, konnte lange schweigen.
Tadzju beschloss, das Schweigen zu unterbrechen:
„Wie lange dauert eigentlich so ein Schneesturm?“ wollte er wissen.
„Kann zwei, drei Tage dauern“, sagte Argon, froh, angeredet zu werden (im Gegensatz zu Fidés konnte er nicht lange schweigen)
„Argon, ecoute-moi“ Das war die Stimme von Fidés, dessen Französisch rau und spröde, bar jeglichen Charmes, war.
Und dann wechselten Fidés und Argon ein paar hastige Worte auf Französisch.
Tadzju wusste, dass sie nur Französisch sprachen, dass er es nicht verstehen konnte, und das war nicht fair.
„Ich mag’s auch wissen!“ maulte Tadzju.
Fidés zerstrubbelte ihm das Haar: „‘s dauert nicht mehr lange mit dem Schneesturm.“
„Argon hat grade gesagt, drei Tage“
„Argon kennt sich nicht aus. – Ich hab‘ noch zwei Rippen Schokolade, hier“ und Fidés gab ihm eine Rippe und Fairhair die andere.
Tadzju kaute an seiner Schokolade und beschloss, das Schneesturmthema nicht weiterzuverfolgen.
Er sah dem Feuer zu; wie die Flammen das Eis an den Hölzern schmelzen ließen, wie bald die Flammen, bald das Eis, nachgaben, wie die dünnen Hölzer Feuer fassten und Rauch gaben, und wie von den dicken Hölzern Wasser rann.
Er hustete.
„Es raucht ja wie der Teufel.“
„Schön sprechen“, mahnte Fidés und Tadzju zog eine Grimasse: „Wenn’s aber raucht wie der Teufel.“
„Es raucht stark, ja“, gab Fidés zu.
Tadzju konnte sehen, dass die Eiskristalle, mit der Wolle von Fidés Pullovers verschmolzen, eine weißverwobene Schicht auf seinem Rücken bildeten. Er realisierte es ungefähr in diesem Moment, dass der Ältere ihnen mit seinem Körper Windschutz bot, wo der Baum endete.
„Ist dir nicht kalt?“ fragte er.
„Geht so“, sagte Fidés.
„Ich hab Hunger“, sagte Tadzju, mehr um etwas zu sagen als um sich zu beschweren.
Fidés zauste ihm statt einer Antwort sanft das Haar. Es gab nichts zu essen, und sie wussten es beide.

*

Der Wind heulte ohrenbetäubend laut, er trieb den Schnee noch fester in ihre Richtung, und es wurde noch ein bisschen kälter. Die Flammen wurden vor Anstrengung dem Eis zu trotzen immer kleiner und schwächer, und der nächste Windstoß blies sie aus, die Flammen, die das letzte Streichholz entzündet hatte.

Fidés sagte ein paar Sätze auf Französisch, sanfte Worte, beruhigend und gut erschienen sie Tadzju, und Argon sagte immer wieder nur „Oui“, das hieß „ja“. Das wusste Tadzju: „oui“ hieß „ja“.
Ein bisschen nervte es ihn, dass die Älteren in unverständlicher Sprache sprachen.
„Ich kann auch Französisch!“ unterbrach er Fidés, und Fidés fuhr ihm durchs Haar: „Gleich, Kleiner. – Nous sommes perdus, Argon, il faut l’accepter…. deux, trois heures, et au revoir“, sagte Fidés zu Argon, und er lächelte.
„au revoir“ hieß „Auf Wiedersehen“.
Tadzju stubste Fidés an: „Kann ich jetzt reden?“
„Klar“
„Ich hab‘ alles verstanden. Ich kann nämlich auch Französisch: oui, non, merci, au revoir, gâteaux au chocolat“
„Très bien“, sagte Fidés, das hieß „sehr gut“.
Tadzju kuschelte sich an ihn, drückte den Kopf ganz fest gegen den weichen Bauch des Älteren und der strich ihm vorsichtig eine Locke aus der Stirn.
„Fidés?“
„Hm?“
„‘s kalt“
„Der Schneesturm ist bald vorbei. Dann gehen wir nach Hause.“
„Ist es weit?“
„Wenn du nicht mehr gehen kannst, werde ich dich tragen. Wir sind in einem Tag zu Hause.“
„… du lügst.“
„Warum sollte ich lügen“, sagte Fidés indem er ihn auf den Haarschopf küsste.
Tadzju kuschelte sich fester an ihn und Fidés schloss ihn in die Arme.
„…ich bin müde“
„Schlaf nur“
„…‘s so kalt“
„Der Schneesturm ist bald vorbei, und dann laufen wir nach Hause“
Der Ältere umfuhr sanft mit zwei Fingern das Profil des Jüngeren, strich ihm die Schläfen hinab zu den Backenknochen, das Kinn entlang, umfuhr ihm die Kontur der Nase, zwei kalte Finger auf aufgesprungener Haut. Tadzju hielt die Augen geöffnet, auch als ihm Fidés die Augenbrauen entlangfuhr, wie zwei rote Schatten waren seine Finger, ganz nahe an den empfindlichen Augen, aber Tadzju zuckte nicht mit den Lidern.
„Fidés?“
„Hm?“
„Machen eigentlich die Engeln das Wetter?“
„….ich bezweifle es.“
„Was machen sie dann den ganzen Tag?“
„Ich weiß nicht“
„Vielleicht spielen sie mit Murmeln“
„… mit Murmeln?“
„Mmh. Mit ganz schönen, glänzenden.“
„Ja, vielleicht.“

Fidés kraulte ihm sanft die Locken und summte, ganz leise, eine einfache Melodie vor sich hin, und irgendwann begann er sie laut zu singen:
„Ein Hund kam in die Küche
Und stahl dem Koch ein Ei…“ (das war Tadzjus liebstes Lied)
und weil Fidés‘ Stimme so voll und ruhig war, stimmte auch Tadzju ein.
Dann sang auch Argon mit ihnen, und dann Fairhair, und zu viert sangen sie:
„Da nahm der Koch den Löffel
Und schlug den Hund entzwei“
Und ihre Stimmen übertönten das Heulen des Windes:
„Da kamen viele Hunde und gruben ihm ein Grab
Und setzten einen Grabstein
Worauf geschrieben stand:
Ein Hund kam in die Küche
Und stahl dem Koch ein Ei
Da nahm der Koch den Löffel
Und schlug den Hund entzwei“

Der Jüngste trug die Jacke des Ältesten, und sie sangen, und der Schnee immer dichter fiel.

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Spider’s nightmare (Ausschnitt)

Einmal in der Woche kehrte Nun die ganze Halle mit einem Besen aus, sie führte den Besen sehr schnell, kraftvoll, es sah sehr wütend aus wenn sie kehrte.

Als ich sie das erste Mal kehren sah, fragte ich aus Höflichkeit, ob ich helfen solle. Sie drückte mir den Besen in die Hand und ich kehrte, und sie sah mir etwa eine Minute lang zu, nahm mir dann den Besen ab und sah dabei drein als hätte ich mich als der größte Vollidiot aller Zeiten erwiesen, so wie ich den Besen handhabte. Hatte ich noch nie gekehrt, fragte sie mit einem Spott, der weh tat. Ich hatte in der Tat noch nie gekehrt, aber ich glaube nicht, dass man so viel dabei falsch machen kann.

Ich zuckte nur die Schultern, es war mir ärgerlich zumute, ich hatte ihr doch nur Arbeit abnehmen wollen, und sie riss mir den Besen aus der Hand als würde ich damit Unheil anrichten.

Sie kehrte weiter, schnell, kraftvoll, wütend, die ganze Haltung ein Vorwurf an meine Effizienz. Das machte sie oft, mir das Gefühl geben, ich sei der letzte Vollidiot.

Dafür hätte ich Nun jedes Mal umbringen können, wenn sie diese Phasen hatte. Wenn sie einem mit einem übertriebenen Seufzer den Besen abnahm: Nicht mal aufkehren kannst du. Wenn sie einem sagte: Wie kannst du Kebap kaufen wenn Jörg kommt. Wie sie dieses kannst betonte, als hätte man es gemacht um den Jungen hungern zu lassen.

Wenn sie einem mit ihrer Stimme und ihren Blicken fühlen ließ, wie wertlos es war, was man tat. Wenn sie einen selbst sagen ließ, man sei ein Versager indem sie lang genug fragte.

Wollte ich Anwalt werden, hm.

Kannte ich einen Anwalt?

Fürs Praktikum und so.

Weil ohne Beziehungen ist das schwer.

Es gab ja so viele arbeitslose Juristen.

Waren meine Noten gut genug?

Warum hatte ich nicht mehr gelernt.

Wenn ich doch ein Ziel hatte, wo gute Noten von Bedeutung waren.

Warum hatte ich dann nicht mehr gelernt.

Und warum überhaupt Anwalt.

Die waren doch so grausam. (Und wie sie grausam sagte, da klang das anerkennend. Grausam klang: gutaussehend, großgewachsen, blauäugig und redegewandt. Rainmaker.)

Du bist doch nicht grausam, Philemon.

Himmel, ich hätte mich jedes Mal vor die nächste Straßenbahn werfen können wenn Nun damit fertig war.

Und es war unmöglich, sie davon abzuhalten.

Wenn sie fragte, machte ich Sport. Sollte ich aber.

Wenn sie betonte, sie hielt diese Charaktereigenschaften für eine männliche Tugend: Härte und Grausamkeit. Und ich war dick, hatte mittelmäßige Noten und eine gewisse Schwäche im Charakter, die man Weichheit nennt. Mir war vieles egal was andere aufregte, ich war tolerant, ich sah nie einen Grund für ein Nein.

Schwäche war das übelste, sagte Nun.

Wenn ihr einziges Ziel war, dass du dich schlecht fühlst. Ohne dass du vorher was getan hast, auf einmal. Auf einmal hasste sie dich. Als hätte sich irgendein Schalter in ihrem Kopf umgelegt, und auf einmal wollte sie dir beweisen, dass du keine Existenzberechtigung hattest.

Ich konnte sagen: Hör auf, und sie würde lächelnd fragen: Womit denn? und ich würde verstummen, weil es keinen Namen hatte, was sie da spielte.

Es war schlimm, wenn Nun so war. Sie würde nicht ein bisschen an dir rummeckern, sie würde dich zerfleischen. Bis du nur noch um einen Strick bitten wolltest.

Es war, glaube ich, weil sie dich perfekter sehen wollte als du warst. Und wenn sie dann sah, du warst schwach, feige, faul, verlogen, dann hasste sie dich dafür und wollte es dich fühlen lassen. Und es gab nichts, gar nichts, was du dagegen tun konntest. Du könntest sagen „Hör auf“, aber sie würde nie aufhören, und du konntest das Thema wechseln, aufstehen, fortgehen, sie würde dir folgen und weitersprechen. Sie gab dir keine Chance, ihr zu entrinnen.

Sie würde erst aufhören, wenn sie fand, deine Selbstachtung war so tief wie es deiner Fehlbarkeit entsprach.

Ich kann mir gut vorstellen, dass Bernard sie bei einer solchen Gelegenheit geschlagen hat.

Ich hasste sie so sehr dafür. Und mich, weil ich es erduldete. Ich ließ mir ein ums andere Mal sagen, was für ein Trottel ich war, und ich glaubte es selbst.

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Die erste Begegnung

Als er das erste Mal zu Ruben gerufen wurde, war er 16 Jahre alt. Er war ein wenig gespannt auf den legendären Älteren, zugleich gelangweilt und sicher, dass dieser ihm nichts zu sagen haben würde, noch sicherer, dass er ihn nicht mögen würde, aber vor allem hatte er Angst, man hatte schon viel von Ruben gehört.

Als sie jedoch eine Weile gesprochen hatten fühlte er sich dem Älteren nahe, als habe er ihn sein Leben lang gekannt. Weise, stark und makellos erschein er ihm, erfahren und klug, als wäre der Altersunterschied ein Jahrhundert und nicht wenige Monate.

Das erste Mal im Leben fühlte er sich mit jedem Wort, das er sagte, verstanden.

“Es ist alles so sinnlos, so schal. Ich lebe nicht wirklich, weißt du. Wofür lohnt es sich, einzustehen, woran zu glauben, wofür zu kämpfen, ja, wofür lohnt es überhaupt aufzustehen.”

Der Ältere sagte nichts, hörte nur zu, die hellen Augen stumm auf ihn gerichtet.

„Wofür ist es alles gut, das frage ich mich, jedes Gespräch hohl, jedes Handeln zwecklos. Alles was ich tue ist unecht, als würde ich es nicht wirklich meinen. Ist das wirklich das Leben, so unecht, das frage ich mich, es muss sich doch anders anfühlen. Was ist echt?“ fragte er.

Ruben schwieg eine Weile bevor er antwortete: „Was echt ist? Blut, Schweiß und Tränen. Schmerz, Anstrengung und Unglück, das gehört zu unserem Leben, das ergibt sich aus unserem Menschsein. Dein Leben aber ist von Tränen bestimmt, Tränen des Selbstmitleids, das muss sich ändern.“

„Selbstmitleid, so ein Unsinn! Es ist einfach alles so unecht. So hohl.“

„…“

„Meinetwegen, ja, Selbstmitleid, vielleicht. Ich möchte, dass sich mein Tun ehrlich anfühlt, nicht so aufgesetzt, nicht so sinnlos, und ich weiß nicht wie. Ich möchte Großes tun, aber es scheint keine Gelegenheit zu geben.“

„… Soll ich dir helfen?“ fragte Ruben sanft.

Etwas an seiner Stimme ließ ihn unwillkürlich einen Schritt zurücktreten.

„…nur zu, auch wenn ich bezweifle, dass mir irgend jemand helfen kann“, sagte er dann.

Der Schlag ließ ihn zurücktaumeln, den kupfernen Geschmack des eigenen Blutes im Mund.

„Bist du verrückt?“ rief er.

„Wehr dich!“ herrschte Ruben ihn an, „Wehr dich!“

Er war zwei Kopf kleiner als Ruben, untrainiert und träge, er setzte an, dies mit den Worten, er sei doch nicht verrückt, mit einem so viel Stärkeren zu kämpfen klarzustellen, aber er kam nicht einmal dazu, den Mund zu öffnen.

„Nicht reden! Wehr dich!“ sagte Ruben und schlug ihn erneut, zurückhaltender diesmal, es kam kein neues Blut von seinen Lippen.

„… mein Gott“, murmelte er, und hob die Arme schützend vors Gesicht, kein bisschen erpicht auf einen Kampf, aber was sollte er tun, dastehen und Hiebe einstecken. Es gelang ihm die nächsten Schläge abzuwehren, er merkte selbst, dass Ruben nicht einmal die Hälfte seiner Kraft oder Schnelligkeit in die Schläge steckte, das hieß doch, er war beherrscht, das hieß doch, man konnte reden.

„Komm schon, was soll das“, sagte er, so desinteressiert als möglich, „Ich geb’ auf, ja?“

„Du gibst auf? Warum?“ fragte Ruben, die blauen Augen erstaunt wie die eines Kindes.

“Weil’s mir egal ist. Weil es sinnlos ist”, sagte er.

“Sich zu wehren ist niemals sinnlos”, antwortete Ruben.

Und zu seinem vollkommenen Erstaunen zog er sein Handy aus der Tasche, wählte, sprach ein paar halblaute Worte und warf das Gerät dann achtlos beiseite.

“In zehn Minuten kommt ein Arzt für dich”, sagte er, “sich zu wehren ist vielleicht eine gute Alternative.”

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Kiira-Shan

Er verbrachte Monate der Leere, von Freunden umgeben denen er nicht vertraute, auf Festen, die er nicht wollte und erfüllt von einer Einsamkeit, die nicht nachließ. Alles erschien ihm schal, zwecklos, nur sinnlose Beschäftigung ohne Ziel: die Partys, das Lernen, Vorlesungen zu besuchen, Bücher zu lesen, ins Theater zu gehen, zu essen, zu schlafen – wozu.
Er blieb nächtelang auf, bis ihn um vier Uhr früh der Schlaf übermannte, er verschlief Vorlesungen und versäumte Termine, er versetzte Freunde und starrte in seine Lehrbücher, ohne zu lernen. Rief ihn einer am Telefon an, erschien ihm der als lästiger Störer, und kaum hatte er aufgelegt, wieder die Leere, die Leere.
Es vermochte ihn nichts zu erfreuen und nichts zu erschrecken, nur ein leises Flimmern von Unruhe war in ihm: er verschwendete sein Leben, und er wusste es.
Das was ihn eigentlich erstaunte, war, dass auch ohne seine Hingabe alles lief. Er bestand Prüfungen ohne dafür gelernt zu haben, die Freunde riefen immer wieder an, und ob er sich auf einem Fest amüsierte, ob er einem Gespräch folgte oder ob er seinem Gegenüber vertraute, interessierte bis auf ihn (und ihn auch nicht, denn er gefiel sich in seinem Leiden) niemanden. Er nahm es als weiteren Beweis für die Leere.

Dann kam Kiira-Shan zu ihm, ganz in Weiß gekleidet, engelsgleich erschien er ihm, der er gerade in seiner Kammer saß, von Selbstzweifel zerrüttet, von Sinnkrise gepackt, von Selbstmitleid umfangen, und Leere drohte ihn zu versenken.
Er sah Kiira-Shan und Kiira-Shan war ihm wie ein Ufer im Meer der Leere. Er sprang auf, Rettung war nah: „Kiira-Shan !“ und Kiira-Shan schüttelte tadelnd den Kopf und nahm ihn beim Ohr und schüttelte ihn durch.
„Was machst du mit deinem Leben, Loki?“
„Ich verschwende es“, gab er zu, und auf eine unbestimmte Art genoss er, dass das Ziehen an seinem Ohr stärker wurde auf diese Antwort hin. Zumindest einen schien es zu kümmern, und der, der ihn für die Verschwendung tadelte und strafte, würde mit der Strafe Vergebung schaffen, und Rettung, denn wer richtet, muss retten. Es würde keine Leere mehr da sein, irgend etwas würde hinzutreten, etwas Wichtiges, die Rettung, die er nur übersehen hatte.
„Dein Volk leidet, Loki“, sagte Kiira-Shan , „und du sitzt hier und haderst mit dir selbst.“
Fast bedauerte er es, dass Kiira-Shan ihn nicht mehr am Ohr beutelte; es schien ihm Jahre her, seit ihn zuletzt ein Mensch berührt hatte, und bis zur Zeit im Mutterleib zurück, dass es ein Mensch gewesen war, dem an ihm lag. Und Selbstmitleid überkam ihm bei diesem Gedanken, und bei der Erkenntnis, dass Kiira-Shan auch keine Rettung bot; wenn Kiira-Shan auch ein Ufer war, konnte es dennoch von Selbstmitleid (und der Leere) überschwemmt werden.
„Dein Volk leidet, Loki“, wiederholte Kiira-Shan , „und du sitzt hier und haderst mit dir selbst.“
Loki nahm erst jetzt den Sinn des Gesagten wahr, und dass das Gesagte keine Rettung bot für ihn.
„Mein Volk“, sagte er und fiel aus allen Wolken dabei, sein Volk, wer war schon er, ein selbstmitleidzerfressener Student der gern dem Wodka zusprach und nicht genug Stärke hatte, sich aus dem Loch der Depression zu ziehen. Er hatte Rettung für sich gewollt, nicht Retter sein für sein Volk, es mochte sein, dass sie alle litten, siebenundhalb Millionen Menschen, doch was war ihr Leiden gegen das seine (die Leere kehrte zurück) und er vermochte nichts gegen seines auszurichten und von seinem wusste er zumindest, worin es bestand….
Er war kein Heiland und kein Retter. Er was 20 Jahre alt, konnte nicht vor Publikum sprechen und genierte sich, die ihm Bekannten per Händedruck zu grüßen. Er hatte kein prägenden Erfahrungen in der Kindheit gemacht und war kein Abkömmling eines Königshauses, er hatte keine Ziele und keine Werte.

„Du kannst sie retten“, sagte Kiira-Shan , „Geh hinaus und tu es.“
Er wollte sagen, dass er nicht zum Retter tauge und dass seine eigene Rettung ihm schon schwer genug fiele, und stattdessen brachte er nur ein klägliches „Lass mich nicht allein“ heraus, die Leere würde wiederkommen; schon breitete sie sich aus wie ein matter Schleier…
„Hier“, sagte Kiira-Shan und seine Faust schnellte vor, traf auf Lokis Nase auf und da war Schmerz, der den Schleier zerriss, und dann kam Blut, und er schmeckte es im Mund und er musste lachen und er lachte laut und göttergleich (und er hörte Kiira-Shan einen Ratschlag geben, den er sein Leben lang bewahrte: „Schmerz ist ein Freund, die Angst ist ein Feind“) und das Blut tropfte beständig zu Boden und als er sich dann umsah, war Kiira-Shan verschwunden (war er jemals dagewesen?) und da war nur noch er und das Blut, das in seine hohle Hand tropfte.

2 Antworten zu „Texte“

  1. P sagt:

    du schreibst wie ein suizidaler einzigartig begabter Teenager mit der Lebenserfahrung eines Hundertjahrigen

  2. Jan sagt:

    Kannst du einmal was schreiben, wo die Protagonisten nicht sterben oder Gewalt angetan bekommen?
    In jedem Falle sehr schöne starke Texte.
    Ich mag dieses LSD-Jenseits.

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